Vereinbarkeit – kein „nice-to-have“, sondern ein Wettbewerbsfaktor mit Zukunft
Ohne Care keine Karriere – Beim ersten Vereinbarkeits-Summit in Hamburg wurde klar: Vereinbarkeit ist kein Soft Skill, sondern harte Zukunftsarbeit. Save the Date: Am 23. Juni 2026 geht’s in die nächste Runde!
Am 23. Juni 2025 hat der erste Vereinbarkeits-Summit der deutschen Wirtschaft in Hamburg stattgefunden – initiiert von einem breiten Bündnis unter dem Dach des Bundesverbands Vereinbarkeit e. V. Mit dabei: Charta der Vielfalt e. V., Mom Hunting, smart worq, conmadres, conpadres und der Vereinbarkeitsindex. Gehostet wurde der Summit von Google Hamburg.
Ohne ein neues Miteinander von Erwerbs- und Care-Arbeit steht die Zukunftsfähigkeit unserer Arbeitswelt auf dem Spiel – in Wirtschaft wie Verwaltung. Positiv hervorgehoben wurde der beginnende Dialog zwischen Unternehmen und öffentlichem Sektor – verbunden mit dem Appell, Impulse mitzunehmen und aktiv umzusetzen. In ihrem Grußwort betonte Hamburgs Zweite Bürgermeisterin, Katharina Fegebank, wie wichtig Sichtbarkeit, politische Haltung und neue Bündnisse sind – gerade angesichts gesellschaftlicher Gegenbewegungen. „Weiche Faktoren“ wie Vereinbarkeit seien in Wahrheit harte Standortfaktoren.
Sie verwies auf skandinavische Vorbilder mit klaren Grenzen zwischen Arbeits- und Familienzeit und betonte, dass die FHH bereits viel ermögliche, etwa durch „Arbeiten an einem anderen Ort“. Gleichzeitig stellte sie klar: Kultureller Wandel ist nötig, um Gleichstellung zu sichern und demokratische Strukturen zu stärken – denn noch immer landen viele Frauen in der „Teilzeitfalle“.
„You can have it all… but not at the same time.“ Was wie ein Instagram-Zitat klingt, war auf dem Zukunftspanel eine der ehrlichsten Aussagen. Denn: Vereinbarkeit ist kein Ziel, das man einmal erreicht – sondern ein kontinuierlicher Aushandlungsprozess. Viele Belastungen bleiben noch unsichtbar.
Eltern leisten oft 3 bis 4 Stunden Care-Arbeit, bevor der Arbeitstag beginnt. Trotzdem starten Meetings meist um 9 Uhr – mit der unausgesprochenen Erwartung, dass alle gleich leistungsfähig sind. Die Realität: Für viele hat der Tag da schon Stunden vorher begonnen. Ein Satz aus der Diskussion brachte die strukturelle Schieflage auf den Punkt: „20 E-Mails schreiben gilt als Arbeit. Ein Kind wickeln nicht.“
Der Arbeitsforscher Dr. Hans Rusinek forderte, dass Unternehmen beispielsweise reflektieren müssen:
- Wie viele Menschen in Teilzeit wurden befördert?
- Werden Rückkehrer:innen nach Elternzeit oder Sabbatical wirklich mitgedacht?
- Wie wird Alter in Bezug auf Innovationsfähigkeit bewertet?
- Und warum ist in vielen Führungsetagen ein CHRO neben CEO und CFO noch immer nicht selbstverständlich?
Mutige Beispiele aus der Praxis
Wer Vereinbarkeit gestalten will, braucht Haltung – und konkrete Strukturen. Zahlreiche Organisationen zeigten beim Summit, wie das gehen kann:
- Beiersdorf gründete das Väternetzwerk Dad.icated, um gleiche Chancen für Mütter und Väter zu schaffen. Eine interne Match Makerin unterstützt aktiv bei der Bildung von Job-Tandems.
- L’Oréal setzt mit Femmes@L’Oréal auf ein starkes Frauennetzwerk, das auch Themen wie Pflege einbezieht. Es herrscht eine 50:50-Führungskultur, getragen vom französischen Betreuungssystem.
- Publicis initiierte Menolution – ein Netzwerk für Frauen in den Wechseljahren. Sichtbarkeit für alle Lebensphasen wird hier strategisch gedacht.
- Dräger, ein Familienunternehmen, setzt auf ermöglichende Führung. Gemeinsam mit conpadres wurde ein Pilot-Workshop für Führungskräfte entwickelt – in drei Blöcken: Kultur, Flexibilität und Kommunikation.
Die Umsetzungsstrategie bei Dräger war klar strukturiert:
- Klein anfangen mit einem Pilotprojekt
- Schirmherrschaft durch eine sichtbare Führungskraft
- Rollenvorbilder und Multiplikator:innen einbinden
- Zahlen und Fakten nutzen, um Business-Relevanz zu zeigen
- Ein Forum für Führungskräfte schaffen
Führungskräfte sollten Vereinbarkeit als strategisches Thema verstehen – und aktiv gestalten
Auch Job-Sharing war Thema. Viele Mitarbeitende seien „Tool-satt“ – es brauche niedrigschwellige Angebote wie Stammtische oder interne Meet-ups, um unkompliziert Co-Leadership-Modelle zu fördern. Viele Vereinbarkeitslösungen kosten wenig – wirken aber stark auf Kultur und Zufriedenheit.
Strukturelle und kulturelle Hebel
- Mobiles Arbeiten teamweise abstimmen, um Freiheit und Verantwortung zu verbinden
- Führung in Teilzeit oder Co-Leadership als Normalität
- Weiterbildungen und Netzwerke am Tag statt abends – echte Teilhabe auch für Menschen mit Care-Verantwortung ermöglichen
- Führungskräfte als Vorbilder, z. B. mit sichtbar blockierten Kalenderzeiten für Familie
- Meetingzeiten bewusst gestalten – keine Termine vor 9 oder nach 16 Uhr
Die FHH bietet hier bereits viele Möglichkeiten an. Wie etwa flexible Arbeitszeiten, Führen im Tandem oder selbst organisierte Väternetzwerke.
Fazit: Vereinbarkeit geht uns alle an
Die Freie und Hansestadt Hamburg vertritt hier klare Werte und kann an vielen Stellen bereits jetzt Vorbild für eine gleichstellungsorientierte Arbeitswelt mit echter Anerkennung von Sorgeverantwortung sein.
Der diesjährige Vereinbarkeits-Summit richtete sich bewusst an junge und werdende Eltern – mit vielen konkreten Impulsen für den Arbeitsalltag. Gleichzeitig wurde deutlich: Der nächste Schritt sollte eine intersektionale Diskussion über Vereinbarkeit sein. Denn Familie ist vielfältig – und Vereinbarkeit betrifft alle mit Sorgeverantwortung, nicht nur Eltern.
Die gute Nachricht: Eine zweite Runde ist für 2026 in Planung! Markiert euch schon mal den 23. Juni 2026 rot im Kalender. Der Event-Film spiegelt die inspirierende Atmosphäre dieses besonderen Tages in einer großartigen Location über den Dächern Hamburgs wider.